VON TAG 1

so fing alles an - kurzgeschichte zur entstehung von 'von tag 1'

2021-06-14

okay es ist wieder so weit. weinflasche auf, gemütliches licht an. ich setz mich an‘s klavier, nicht ahnend, dass ich durch zwei töne gleich in die tiefen meiner vergangenheit eintauchen werde und den persönlichsten song überhaupt schreiben werde. es sind immer die gleichen 88 tasten, ein weißes blatt papier und auch wenn sich der gedanke immer wieder aufdrängt, dass doch irgendwann mal alles gespielt sein muss, es keine neue akkordfolge mehr gibt und thematisch sowieso schon über alles geschrieben, gesungen und erzählt wurde, gibt es immer wieder den einen moment, der mit nichts anderem zu vergleichen ist – der moment etwas neues zu finden. eine passage, eine melodie, für mich in diesem moment so gut, dass ich sie schnell aufnehme und anschließend in ungebremster euphorie gefühlt 50x im loop höre, durch die wohnung laufe, mich hinsetze, wieder aufstehe, dazu tanze bzw. eher bewege, in der hoffnung dass die nachbarn, 70 meter gegenüber auf der anderen straßenseite, nicht zuschauen. manchmal wunder' ich mich auch, dass die nachbarn unter mir sich nicht spätestens nach 20 minuten mal fragen was mit dem typen da oben los ist, eine 30 sekunden passage, eine fußballhalbzeitlänge nonstop wiederholt zu hören. vielleicht fragen sie sich das auch, sind aber zu faul nach oben zu kommen um sich zu beschweren. oder sie hören einfach gerne zu, allerdings wird selbst die schönste melodie der welt, nach 30 minuten am stück hören, dann doch irgendwann mal nervig, zumindest für die meisten - in meiner etwas „schönes-neues-gefunden-zu- haben -euphorie“, für mich nicht.

ich habe also eine idee. eine idee so gut, dass ich sofort bilder sehe, um dann in irgendeiner phantasiesprache, ein mix aus englisch und kindersprache, versuche gesangsmelodien zu finden, eine textliche idee oder einen ersten satz. manchmal reicht auch nur ein wort und der rest schreibt sich dann von alleine. leider sind diese momente die ultimative seltenheit. wenn ich daran denke wie oft ich am klavier oder an der gitarre sitze und immer wieder den gleichen scheiß spiele, in schon bestehende lieder falle, oder denke irgendwas gefunden zu haben, um dann 10 minuten später zu realisieren, dass es das schon genauso gibt.

jetzt sitze ich also mal wieder vor meinem klavier. nicht wissend wo die reise, beziehungsweise meine 10 finger dieses mal hinwollen, fange ich an einfach nur zwei töne zu spielen – des und des, falls dir das gerade etwas sagt. also quasi des-dur, nur das man das dur noch nicht hört, weil die terz fehlt. sofort fangen bilder an zu rattern und die zeile „ich bin gerannt wie forrest gump“ entsteht. keine ahnung wo das jetzt her kommt, aber die töne hören sich gerade einfach auch ein bisschen rennend an. ziemlich schnell bin ich auf einmal ganz am anfang, also quasi bei meiner geburt, an tag eins, aber irgendwie halt auch nicht, denn wer erinnert sich schon an seine geburt?
ich schließ' die augen und versuche soweit es geht zurück zu kommen, fast zeitgleich entsteht die zeile „von tag eins keine spur, wie weit können erinnerungen gehen...“.

da war sie also: die idee, der wichtigste baustein zu diesem lied. die base um die jetzt die ganze geschichte geschnürrt, beziehungsweise geordnet werden kann. ich hör also wieder meine beiden töne des im loop, mittlerweile ist auch noch ein zweiter und dritter akkord dazugekommen – Bb-moll und Gb-Dur. Ich schließe die augen und versuche in meinen erinnerungen soweit es geht zurück zu kommen.

schon extrem wie die bilder vor einem nur so her rattern. wie eine riesige zeitrafferaufnahme, völlig unsortiert flattern erinnerungen, szenen und momente  vorbei. so ist es jedenfalls bei mir. absurd was für bilder aufploppen, an was für teilweise banalen dinge ich mich erinnere. ich versuche immer weiter einzutauchen und schaue an was ich mich wirklich bewusst erinnere. manchmal sind die gedanken auch schwammig, vielleicht auch nur die fotos oder videos die man aus dieser zeit von sich kennt. ich schließ die augen wieder und seh‘ mich in unserem garten stehen, mit plastikrüstung und nem ritterschwert – das erste bild des songs ist gefunden. der perfekte moment sich zurückzulehnen, einen schluck vom mittlerweile echt warmen weißwein zu nehmen und sich ein bisschen zu feiern, weil der song mit der idee jetzt quasi fertig ist. was natürlich kompletter quatsch ist, weil noch 97% des textes fehlen und noch nicht ansatzweise ein arrangment da ist, aber rein gefühlsmäßig. ich setze die kopfhörer ab, dreh‘ meinen kleinen dreiakkord loop auf, geh in die küche um kalten wein aufzufüllen und singe auf dem weg die erste zeile und versuche in phantasiesprache irgendwie weiter zu kommen. danach setze mich auf‘s sofa und fange an sätze, ideen und bilder in ein kleines songschreibbuch zu schreiben. wenn ich gesagt habe, dass das der persönlichste song ist den ich jemals geschrieben habe und wahrscheinlich jemals schreiben werde, stimmt das auch so. noch persönlicher ist allerdings dieses kleine buch. ein bisschen wie ein tagebuch, nur ohne die tage, aber mindestens genauso intim. die meisten sachen sind einfach nicht brauchbar, aber ich glaube man braucht genau das, um die guten ideen zu filtern. damit die ganzen unnützen sätze, kitschigen wörter, unpassenden phrasen im textsieb stecken bleiben, der kleine teil es in die engere auswahl und nur die richtigen prahsen es in die finalen zeilen schaffen.

chris martin, der sänger von coldplay hat mal gesagt, dass er 90% von dem was er schreibt und produziert anschließend wegwirft und nur 10% brauchbar sind. wenn ich an die vielen hits von coldplay denke, erscheinen mir 10% relativ wenig, aber ich weiß genau was er damit meint. jetzt bin ich natürlich nicht chris martin und habe auch keinen hit geschrieben, aber das prinzip ist das gleiche. das kleine buch ist dabei übrigens quasi das retro pendant zu meinen iphone notizen die ich für unterwegs benutze. vielleicht noch ein bisschen sortierter, aber mit mindestens genauso viel unbrauchbarem zeug. wenn jemand mein iphone klauen würde, wäre wahrscheinlich nicht die größte sorge, dass fotos weg sind oder der generelle wertverlust, sondern dass jemand den ganzen scheiß liest, der mir manchmal in den sinn kommt. hinzukommen die unzähligen sprachmemos, die ich aufnehme, wenn mir irgendwo unterwegs eine melodie einfällt und ich sie in der u-bahn irgendwie flüsternd ins mikro spreche.

allerdings schlummert in den notizen und memos vielleicht auch irgendwo eine songidee, die ganz gut ist. das ist übrigens das schönste am kreativ sein. zu wissen, dass es überall passieren kann. selbst jetzt, in diesem moment, wenn ich die finger von der tastatur nehme und aufhöre zu schreiben. okay jetzt gerade höre ich extrem viele vögel, ein paar bellende hunde  und blicke auf ein unfassbares bergpanorama, direkt am comer see . aber es könnte passieren und das ist das schöne, diese unwissenheit und ein ständiges imaginäres ziel.

Simon Schmidt